Die Tasse

Die Tasse

Eine Kurzgeschichte von Henrik Radeck

Warum schaffe ich es nicht?

Ich stand nach einem langen Arbeitstag, ziemlich ausgelaugt, in meiner kleinen Küche vor dem Mülleimer. Durch die Überstunden und die ewig vorkommende S-Bahn Fahrt nach Hause, war es inzwischen dunkel und regnerisch draußen geworden. Ich hörte den Regen in einem fast beruhigenden Rhythmus an die Fensterscheibe prasseln. In meiner Hand hielt ich diese verdammte Tasse. Eine einfache schwarze Kaffeetasse mit einem kleinen Sprung an der oberen Seite des Griffs. Wie lange sie noch hielt, war nicht abzusehen. Normalerweise wäre so eine Tasse schon lange im Müll gelandet. Nicht zum ersten Mal war sie mir im Schrank aufgefallen. Aber diesmal wollte ich sie endgültig loswerden. Oder?

Dinge wegschmeißen oder mich von Sachen trennen lag mir noch nie. In meiner Kindheit hatten wir nichts, was ich hätte wegschmeißen können. Meine Mutter hat immer versucht mir und meinem Bruder alles zu ermöglichen. Dennoch blieb nicht viel, als sich mein Vater von jetzt auf gleich nicht mehr zuhause blicken ließ. Es war eine verstörende Zeit. Meine Mutter wusste bis zum letzten ihrer Tage nicht, warum mein Vater der Meinung war, der Familie den Rücken zukehren zu müssen. Wir verloren kurz darauf aus finanziellen Gründen die Wohnung in der mein Bruder und ich aufgewachsen waren. Das sorgte dafür, dass ich mir in unserem neuen Zuhause mit acht Jahren ein Zimmer mit meinem sechsjährigen Bruder teilen musste. Nicht selten sorgte das für Zoff und Streitereien. Besonders wie wir älter wurden. Zu dem versuchte meine Mutter jeden Job anzunehmen, der sich ihr bot, um meinem Bruder und mir ein wenig bieten zu können. Wir zogen als Familie nie wieder um. Erst als ich mit 20 ans andere Ende der Stadt zog, hatte ich mal wieder etwas wie Privatsphäre. Meine Anstellung bei Blackwood Insurance, eine aufstrebende kleine Versicherungsagentur, sorgte dafür, dass ich finanziell ein wenig auf die Beine kam. Ich war nicht mehr abhängig von meiner Familie und konnte meine Mutter sogar finanziell unterstützen. Trotzdem hat sie sich nie erholt von dieser Zeit. Leider konnte ich ihr durch ihre schwere Krebserkrankung nicht mehr sagen, dass mein Vater mir einen Brief über meine Firma zukommen ließ.

Inzwischen führte ich eine eigene erfolgreiche Versicherungsagentur. Jimmy, einer meiner jüngsten Mitarbeiter, kam mit einem verwunderten Gesichtsausdruck zu mir ins Büro, um mir einen Briefumschlag zu geben auf dem nicht mein Name Tom stand, sondern ein Spitzname den Jimmy nicht kannte. Allerdings kannte ich den Spitznamen sehr gut und er verriet mir dadurch auch direkt den Absender des Briefes.
Mein Vater nannte mich immer T-Boy, besonders wenn er vor seinen Handwerkerkumpels ganz stolz irgendwelche erfundenen Geschichten über seinen ältesten Sohn erzählen konnte. „Stimmts nicht, T-Boy?" war die Phrase, die meistens die Stories über die sich die „Freunde" meines Vaters kaputtlachen konnten, beendeten.
Der Brief war ungewöhnlich ausführlich und für mein Gefühl ehrlich geschrieben. Er versuchte sein plötzliches Verschwinden zu erklären. Bat aber nicht um Vergebung. Das Einzige, was klar aus dem Brief hervorging, war dass er mich wieder sehen wollte. "Ich weiß nicht, ob ich ein Recht habe, dich um irgendetwas zu bitten. Aber wenn du irgendwann einen Kaffee mit einem alten Mann trinken möchtest, würde ich mich freuen."
Ich zögerte viele Wochen, die mich emotional ziemlich durcheinandergebracht hatten. Schließlich entschied ich mich aber doch mich mit ihm zu treffen und ließ Jimmy die Handynummer aus dem Brief anrufen und ein Treffen in einem Eiscafé in der Innenstadt arrangieren.
Dieses, und viele darauffolgende Treffen sorgten in Verbindung mit unglaublich vielen Gesprächsstunden dafür, dass wir uns nach und nach besser verstanden. Ich hatte ihm nie verziehen, welches Schicksal wir als Familie tragen mussten durch sein Verschwinden. Mein Bruder übrigens auch nicht. Der hatte mit unserem Vater gebrochen und hielt sich strikt daran. Ich für meinen Teil genoss die Zeit mit ihm. Nicht, als hätte ich meinen Vater aus vergangenen Zeiten wieder gesehen, sondern eher als hätte ich jemanden Fremdes kennengelernt. Ich hätte es vorher nicht für möglich gehalten, aber ich habe mich immer mehr auf unsere regelmäßigen Treffen gefreut. Das Eiscafé in der Innenstadt wurde zu einem gängigen Treffpunkt für unsere Gespräche. Doch als mein Vater eine dieser schwarzen Kaffeetassen, die ihm scheinbar so gut gefallen haben, in seinem Rucksack verschwinden ließ, entschied ich mich dafür die Treffen in meine Wohnung zu verlegen. Ironischerweise war mein Vater zu dieser Zeit wohl an dem Punkt angekommen, aus dem ich mich damals herausgearbeitet hatte. Er sagte es zwar nie aber seine Kleidung, die zu jedem Treffen die gleichen waren, sein prägnanter Geruch nach Kneipe und seine ungepflegten Arbeiterhände ließen den Anschein erwecken, dass er nicht die beste Phase seines Lebens durchmachte. Der Verdacht bestärkte sich bei mir, da er immer öfter bei mir auf dem Sofa im Wohnzimmer übernachtete. Häufig war es ihm angeblich zu spät, um noch die letzte S-Bahn zu erwischen und den Weg durch die Stadt traute er sich nicht mehr zu. Was ich allerdings nicht schlimm fand. Die Abende verbrachten wir häufig auf dem Sofa und schauten uns Comedy-Serien an. Wir hatten den gleichen Humor, was dafür sorgte, dass nie einer allein lachte. Ich musste mir eingestehen, dass ich diese Abende wirklich genoss.
Die morgendliche Routine nach diesen Übernachtungen war dabei fast immer dieselbe. Er trank mit mir, nach dem Aufstehen, am Küchentresen einen Kaffee und war kurz darauf verschwunden. Seine geliebte schwarze Kaffeetasse, die überraschenderweise auch immer so seltsam modrig roch wie mein Vater in seinem scheinbar einzigen Outfit, ließ er irgendwann einfach bei mir stehen. Somit wusch ich sie mit ab und stellte sie an die Kaffeemaschine auf meiner Arbeitsplatte.
Eines Morgens, es war noch sehr früh, stand mein Vater in meiner Schlafzimmertür, nach dem er wieder einmal die Nacht auf meinem Sofa verbrachte. Er fragte ob er für ein paar kleine Besorgungen für das Frühstück meinen Vespa Roller nehmen könne. Obwohl wir nie frühstückten, wenn er bei mir übernachtete, kam es mir in dem Moment nicht seltsam vor und murmelte ihm im Halbschlaf zu wo die Schlüssel lagen.
Als ich kurz darauf aus dem Bett aufstand, um den Kaffee vorzubereiten, war mir nicht bewusst, dass dies das letzte Mal war, an dem ich meinen Vater gesehen hatte.
Die Polizei und der behandelnde Arzt im Krankenhaus erklärten mir ca. drei Stunden später, dass er während der Fahrt auf dem Roller, einen Herzinfarkt erlitten hatte. Nach den nötigen Untersuchungen sorgte der Arzt mit einer Aussage dafür, dass ich das Gefühl hatte meinen Vater doch nicht gekannt zu haben, obwohl ich dies dachte nach der ganzen Zeit, die wir nach unserem Wiedersehen miteinander verbracht hatten.
„Die Organveränderungen sprechen leider für einen langjährigen Alkoholmissbrauch."
Leider sorgte diese Aussage für Fragen, die mir keiner mehr beantworten konnte. Ich nahm an, dass sein prägnanter Geruch, der mir bei jedem unserer Treffen aufgefallen war, wohl dem Alkohol zuzuschreiben war. Ich fragte mich, ob er überhaupt eine Bleibe hatte. Schließlich war ich nie bei ihm zuhause und seine Übernachtungen wurden mit der Zeit immer mehr.
Das Erste, was mir ins Auge gestochen war, als ich wieder zuhause ankam, war die schwarze Kaffeetasse auf meinem Küchentresen. Ich stellte sie diesmal in den Schrank zu den anderen Tassen. Und so vergingen einige Tage bis zur Beerdigung. Es war nicht überraschend, dass mein Bruder nicht auf der Beerdigung war. Was mich allerdings traurig machte, war dass ich der einzige Gast auf der Beerdigung war. Auch wenn ich es von Kindesalter an gewohnt war, ohne meinen Vater auszukommen, vermisste ich die neu gewonnenen Gespräche mit ihm. Ich gab dem Alkohol die Schuld für alles. Für sein Verschwinden in meiner Kindheit, die darauffolgende schwere Erkrankung meiner Mutter und schließlich den Tod meines Vaters.
Da ich mir sicher war, dass mein Vater heimlich mit Alkohol vermengten Kaffee aus seiner schwarzen Kaffeetasse trank, war ich schon so einige Male kurz davor die Tasse aus Wut und Unverständnis in den Mülleimer zu schmeißen. So auch an dem regnerischen Abend nach den unzähligen Überstunden.

Nachdem ich einige Minuten damit verbracht habe, gedankenversunken mit der schwarzen Kaffeetasse und dem kleinen Sprung an der oberen Seite des Griffs in der Hand, in den Mülleimer zu starren, stellte ich die Tasse in den Schrank zu den anderen Tassen. In diesem Moment war mir klar, die Tasse gehörte nicht dem Alkohol. Sie gehörte meinem Vater.

 

Ende.

Möchtest du mir ein Feedback zu der Geschichte hinterlassen?

Nutze gerne das Kontaktformular. Ich freu mich auf dein Feedback.

* Kennzeichnet erforderliche Felder
Ich danke Ihnen! Wir werden uns so schnell wie möglich bei Ihnen melden.
Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.